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Villa Braun Metzingen

Als der Bauherr Carl Braun sen. im Jahr 1893 die Pläne für seine neue Villa erstellen ließ, war klar, dass er den Neubau nicht selbst beziehen würde. Der Tuchfabrikant baute vielmehr für seine beiden Söhne Carl und Johannes, die mit ihren Familien je eine Etage in dem repräsentativen Bau beziehen sollten.
Fünf geräumige Zimmer wurden für jede der beiden Familien eingeplant, ein großzügiger Dielenraum, geflieste Küchen und Bäder. Stuckdecken entsprechen dem Stand des Fabrikanten, der seine Villa äußerlich an die Backsteinfassaden seiner Fabrikgebäude anpassen ließ. Wunderschön ins Glas geätzte Monogramme der Wohnungsinhaber sind am Eingang jeder Etage zu finden. Ein Novum in der süddeutschen Kleinstadt Metzingen war, dass auch schon elektrischer Strom in allen Zimmern vorgesehen wurde. Möglich war dies durch das kleine firmeneigene Wasserkraftwerk. Dabei nahm man gern in Kauf, dass die Wasserkraft nicht immer gleichmäßig Strom lieferte. Da konnte es schon mal geschehen, dass Johannes Braun abends die Zeitungslektüre unterbrechen musste, weil das Licht nicht mehr ausreichte. Die Möblierung entsprach dem Standard: aus massiver Eiche gefertigt, waren die Möbel selbstverständlich durchgehend Schreinerarbeiten, speziell gefertigt für die Villa Braun. Im Esszimmer beispielsweise ein herrschaftlicher Tisch von 1,20 x 1,60 m Größe, der durch bis zu sieben Einlegebretter zu einer Größe ausgezogen werden konnte, dass auch 20 Personen bei entsprechenden Einladungen an einer Tafel Platz nehmen konnten. Gebaut wurde mit großer Sorgfalt und Liebe zum Detail, die in der vielfältigen Fassadengestaltung sichtbar wird: farblich abgesetzte Friese, Blenden aus getriebenem Metall an den Oberlichtern der Fenster, vielfältige Schmuckelemente aus Stein und Metall. Für die Dachkonstruktion wurden starke Eichenbalken verwendet, die auch ein Jahrhundert schadlos überdauert haben - ohne die heute übliche Schutzimprägnierung. Die metallene Fahne auf der Spitze des Turms trägt die Initialen des Bauherrn: CB. Geheizt wurde in jedem Stockwerk mit wunderschön gestalteten Kachelöfen aus kunstvoll gearbeitetem keramischem Material. Parkettböden waren selbstverständlich. Einfacher war die Ausführung im Dachgeschoss, das nicht nur Abstellräume, sondern auch Zimmer für die Dienstmädchen beherbergte. Aber auch hier waren schöne Dielenböden vorgesehen, die bis heute in gutem Zustand sind.
Als sie gebaut wurde, hatte die Villa eine exponierte Lage: einen halben Kilometer entfernt vom Ort und in gebührendem Abstand zu den Fabrikanlagen stand sie in einem großen Garten mit eisernem Zaun. Auf der Straße vor dem Haus war noch kein nennenswerter Verkehr. Die modernen Zeiten nahmen leider viel weg: Der Garten vor dem Haus fiel Stück für Stück dem Verkehr zum Opfer: Die Straße wurde zur Bundesstraße und entsprechend verbreitert, Geh- und Radwege kamen dazu und forderten immer wieder ein Stück Land. Der Ort breitete sich aus, sodass die Bebauung heute rund um das Anwesen geschlossen ist. Der Verkehr ist zu jeder Zeit sehr stark. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kam mit dem Niedergang der deutschen Textilindustrie, die auch zum Konkurs der Firma Braun führte, auch eine schwere Zeit für die Villa Braun. Keine Familienangehörigen wohnten mehr darin, das Bewusstsein für den ideellen Wert des Bauwerks war kaum mehr vorhanden. Gleichzeitig waren die Installationen nicht mehr auf der Höhe der Zeit, die besondere Architektur verschlang hohe Instandhaltungsaufwendungen, die aus den Erträgen des Bauwerks nicht mehr gedeckt werden konnten. Zu dieser Zeit fanden auch Mieter kaum Gefallen an dem alten Gemäuer. So mussten Renovierungen weitgehend unter Kostengesichtspunkten geplant werden, und man war gezwungen eine Tankstelle auf dem Grundstück zu errichten, um Einnahmen zu erzielen. Erst in den Achtziger Jahren kam die Wende für die Villa Braun: Ein Ururenkel des Bauherrn begann Stück für Stück zu renovieren und zu sanieren, wobei immer wieder die Balance gefunden werden musste zwischen modernen Wohnansprüchen und Interessen des Denkmalschutzes. Zum Beispiel wurde eine energiesparende Zentralheizung eingebaut mit Sonnenkollektoren zur Warmwasserbereitung. Die Kollektoren wurden aber so auf der Dachterrasse installiert, dass sie unsichtbar bleiben.
Eins scheint allerdings das 21. Jahrhundert unwiederbringlich weggefegt zu haben: Das sind die vielbeschworenen Spukgeschichten, die sich um die Villa Braun rankten. Da war der schwarze Pudel, der durch die offene Haustür kam, schnurstracks alle Treppen bis ins Dachgeschoss sprang, dort dreimal den Tisch umkreiste, um sogleich das Haus auf demselben Weg wieder zu verlassen. Überflüssig zu bemerken, dass das Tier nie zuvor und danach wieder im Ort gesehen wurde und der Vorfall Unheil brachte. Da war auch die Hausbewohnerin, die Kontakte zum Jenseits hatte. Sie soll in diesen Fällen mit völlig veränderter, unnatürlich tiefer Stimme gesprochen haben. Und dann gab es auch noch ein Zimmer - wieder im Dachgeschoss - das eines Tages merkwürdigerweise verschlossen war. Es musste aufgebrochen werden, denn die Tür hatte kein Schloss, nur innen einen Riegel, der vorgeschoben war. Unerklärlicherweise waren in dem Raum auch die Fenster fest verschlossen, sodass wohl schon ein Geist die Tür von innen verriegelt haben muss, der durch die Ritzen entweichen konnte.




















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